Matteo Renzi

Politik-Newcomer – Renzi Der Verschrotter mischt Italien auf

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spiegelonline

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Articolo pubblicato su “SPIEGEL ONLINE” il 26 Settembre 2012

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Er wettert gegen Korruption, will die alte Politikergarde entsorgen – und dafür jubeln ihm vor allem junge Wähler zu. Der Florentiner Bürgermeister Matteo Renzi erschreckt Roms Mächtige mit einer klaren Mission: Er will im Frühjahr Regierungschef werden. Keine Parole erscheint ihm dafür zu simpel.

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Am Montag war er in Rom, in der Vorwoche hat er den Norden durchpflügt. Mantua und Monza, Bergamo und Brescia, 20 Städte in ein paar Tagen, über 3250 Kilometer. Überall volle Säle, Begeisterung, Jubel. Nun geht es weiter gen Süden, zuerst nach Neapel.

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Ein weißer Camper fährt durch Italien, draußen steht in großen Buchstaben “adesso!”, “jetzt!”. Drinnen sitzt ein selbstbewusster, für italienische Verhältnisse junger Politiker und lässt das Establishment erzittern. Matteo Renzi, 37, Bürgermeister von Florenz, will die Parlamentswahlen im Frühjahr im Alleingang gewinnen, Regierungschef werden und Italien “fünf Jahre lang führen”.
Das Echo ist gewaltig. Vor allem junge, internetaffine Italiener sind begeistert, dass endlich einer zum Aufstand bläst. Schließlich haben ihnen die Altvorderen vor allem Arbeitslosigkeit und Schulden eingebrockt. Aber auch ältere Konservative sind dabei, wie Fausto, ein selbständiger Bauingenieur, Mitte fünfzig, der bislang immer Berlusconi gewählt hat. “Wenn Renzi antritt, kriegt er meine Stimme!”, sagt er.

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Fans zahlen für die Aktion “Volltanken”

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Andere Renzi-Fans, darunter viele von ihrer Partei enttäuschte ehemalige Linkswähler, sind zuletzt gar nicht mehr zur Wahl gegangen. Quasi über Nacht sind sie wieder motiviert. Viele machen mit Kleinspenden bei der Aktion “Volltanken” mit – sie zahlen via Internet 50, 100 oder mehr Euro, damit der Renzi-Camper genug Sprit hat, um ganz Italien zu bereisen. Rund 30.000 Euro sind schon eingegangen.

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Was vor allem auf Renzis Homepage schon aussieht wie der Siegeszug eines neuen Imperators, steht tatsächlich noch ziemlich am Anfang. Denn ehe sich der kesse Florentiner anschicken kann, Italien zu erobern, muss er erst einmal Kandidat seiner Partei werden. Und dazu muss er die Vorwahlen in der Partito Democratico (PD) gewinnen, der Mitte-links-Partei, in der sich Ex-Kommunisten und Ex-Christdemokraten mehr schlecht als recht zusammengefunden haben. Dieser erste Schritt ist vielleicht der schwierigste.

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“Verbannt die 68er-Generation ins Archiv”

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Denn nicht alle Genossen jubeln dem Wirbelwind aus Florenz zu. Viele finden ihn “abartig” und “populistisch”. Manche hassen ihn sogar. Er will nämlich nicht nur Berlusconi und seine Gefolgschaft vom Hof jagen, sondern auch die eigene Parteiführung. “Leute, die 25 bis 30 Jahre im Parlament hocken”, schreit er über die Marktplätze, “können nicht über unsere Zukunft entscheiden.” Italien brauche “neue Gesichter”, auch in der PD. Und deshalb, ruft er, “verschrotten wir die Bindi, den D’Alema, den Veltroni…”. Er haut die hochverdienten Parteigranden gleich reihenweise in die Pfanne: Ex-Familienministerin Rosy Bindi, Ex-Regierungschef Massimo D’Alema und Ex-Parteichef Walter Veltroni und wer ihm sonst gerade noch einfällt. Alle sollen weg. Wir müssen “die 68er-Generation ins Archiv verbannen”.

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Diese wollen das aber so gar nicht einsehen. Mühsam hatten sich die PD-Fürsten und die zahlreichen Strömungen darauf verständigt, Pier Luigi Bersani, den aktuellen Parteichef, zu ihrem Spitzenkandidaten zu küren und durch parteiinterne Vorwahlen – ähnlich den Primaries in den USA – abzusegnen. Erstmals seit langem könnte die Mitte-links-Partei nämlich bei den Wahlen im Frühjahr die Chance haben, stärkste politische Kraft im Lande zu werden.

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Bei den Umfragen liegt sie derzeit bei etwa 27 Prozent. Berlusconis “Volk der Freiheit” dümpelt dagegen unter der 20-Prozentmarke, dessen Ex-Koalitionspartner Lega Nord kommt über fünf bis sechs Prozent nicht hinaus, und auch der Stern des populistischen Kabarettisten Beppe Grillo strahlt nicht mehr so hell. Mehr als 15 Prozent würde er, nach heutigem Stand, kaum schaffen. Eine PD-geführte Koalition scheint demnach durchaus möglich. Diese soll Parteichef Bersani führen, aber für die D’Alemas und Bindis sollen natürlich auch interessante Ämter dabei herausspringen.

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Bersani wird am Wochenende 62, ist ein ehrenwerter Funktionär, ein kluger Mann – aber frei von jedem Charisma. Auch wenn der Parteiapparat für ihn arbeitet und er deshalb als hoher Favorit antritt, so sorgen sich seine Freunde, vermutlich zu Recht, dass der dreiste Renzi ihn einfach beiseite räumt. Es wäre nicht das erste Mal.

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Beliebtester Bürgermeister Italiens

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2008 hatte Renzi verkündet, er wolle als PD-Kandidat bei den Bürgermeisterwahlen in seiner Heimatstadt antreten. Nur hatte die Partei sich auch damals längst auf einen anderen aussichtsreichen Kandidaten verständigt. Renzi möge noch etwas warten, rieten sie ihm, bis seine Zeit gekommen sei. Aber er wartete nicht, legte einen fulminanten Vorwahlkampf hin und fegte, gegen alle Honoratioren und Strippenzieher, den ausgemachten Spitzenkandidaten vom Platz. Bei den anschließenden Kommunalwahlen 2009 ging es dem Kontrahenten aus dem Berlusconi-Lager nicht anders. Renzi gewann haushoch. Ein Jahr später galt er als beliebtester Bürgermeister Italiens. So könne das weitergehen, findet Renzi.

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In Verona hat er Mitte September die Italienreise begonnen, seinen Machtanspruch offiziell verkündet: “Ich kandidiere.” Eine Show wie im US-Wahlkampf, ein paar Nummern kleiner vielleicht, aber dennoch eindrucksvoll. Ein Video zeigt Szenen aus den vergangenen 25 Jahren: Ex-Jugoslawien, Ronald Reagan, die Berliner Mauer. Dazu sagt Matteo Renzi: “All das ist Vergangenheit – aber die Gesichter der politischen Klasse sind immer noch dieselben.” Jetzt sollen endlich alle Platz machen für ihn. Die Dienstwagen sollen auch weg, die Leibwachen und die hohen Gehälter. Das kommt Polit-Profis unpolitisch vor, aber es freut die Leute – denn sie können die alten Schauspieler auf Italiens politischer Bühne wirklich nicht mehr sehen. Die einen sind korrupt, die anderen unfähig, bestenfalls langweilig. Alle sollen weg, so ist die Stimmung.

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“Todeskuss” von Berlusconi

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Nicht nur die Parteifreunde, auch der politische Gegner sieht den Aufmarsch des toskanischen “Verschrotters” (wie die Medien Renzi nennen) mit Sorge. “Er ist einer von uns”, versucht Silvio Berlusconi den erfolgreichen Jung-Populisten aus dem linken Lager zu neutralisieren, “er redet wie wir”. Aber Renzi wehrt sich geschickt gegen den “Todeskuss” (so die Zeitung “La Repubblica”): Berlusconi sei der erste, den er verschrotten werde.

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Dabei erinnert manches an Renzis Auftreten an den jungen Berlusconi, als dieser noch Begeisterung wecken konnte. Etwa wenn er sein politisches Programm – wie einst der große Zampano – in drei kryptischen Worten zusammenfasst: “Zukunft, Europa, Stolz”. Das ergibt wenig Sinn, aber macht dafür gute Laune. Renzi wiederholt es in jeder Stadt, und jedes Mal schwenken die Leute dann die Schilder, auf denen entweder “Matteo Renzi” steht oder “adesso!”. PD-Parteisymbole, rote Fahnen und andere Polit-Devotionalien gibt es hingegen nicht. Und die PD-Oberen sitzen daheim vor den Fernsehern und wissen nicht recht, wie sie reagieren sollen.Renzi habe kein Regierungsprogramm, maulen die einen. Nicht einmal die “adesso!”-Parole sei von ihm, mäkelt ein anderer. Stimmt, die hat vor drei Jahren ein gewisser Dario Franceschini erfunden, als er sich in Vorwahlen vergebens um ein PD-Mandat bemühte. Ach, das habe er “völlig vergessen”, wischte Renzi den Plagiatsvorwurf beiseite. Und man mag ihm glauben. Denn das haben wohl fast alle vergessen. Es war ja auch völlig belanglos, wer damals Spitzenkandidat der Loser-Partei PD wurde.

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Nur einer erinnert sich vielleicht gerne. Ausgerechnet Renzis Verschrottungskandidat Pier Luigi Bersani, der sich damals gegen Franceschini und sein “adesso” durchsetzte.

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